MB 010 · Qualität & Schäden · Stand 03/2025
Gesamtschichtdicke
Grundlagen für die fachgerechte Beurteilung von Lackierungen straßengebundener Fahrzeuge anhand der Schichtdickenmessung
Eine hohe gemessene Lackschichtdicke heißt nicht automatisch Pfusch. Das Merkblatt erklärt, welche Werte bei Serien- und Reparaturlackierung üblich sind und warum ein einfacher Messwert wenig über die Qualität aussagt.
Herausgeber: BFL, DeKoLaKa
Kurzfassung zum schnellen Verstehen, gegen den Originaltext geprüft. Verbindlich ist das Original-Merkblatt – die Seitenangaben führen direkt dorthin.
Worum es geht
Ab Werk liegen die Werte bei optimalem Prozessablauf ohne Prozessstörungen in der Regel bei 80 bis 130 µm.
Kernaussagen
- In der zugänglichen Fachliteratur gibt es keine detaillierten Angaben zur maximal zulässigen Gesamtlackschichtdicke auf Kfz-Karosserien.S. 2 ↗
- Polyesterspachtel gehört zur Zwischenbeschichtung und damit zum Lackaufbau; Karosseriefüllmassen und Schwemmzinnersatz gehören zum Substrat und zählen nicht zur Gesamtlackschichtdicke.S. 4 ↗
- Die Serienlackierung liegt bei optimalem Prozess in der Regel zwischen 80 µm und 130 µm; ein menschliches Haar hat zum Vergleich durchschnittlich 70 µm.S. 9 ↗
- Ein großer deutscher Volumenhersteller gibt für die Außenhaut 80 µm bis 350 µm an. An fabrikneuen Fahrzeugen wurden in der Praxis bis 500 µm und teils mehr gemessen. Das ist auch bei als unfallfrei angebotenen Neuwagen nicht zwingend unplausibel.S. 6 ↗
- Vor Übernahme von Neu-, Gebraucht- und Leasingfahrzeugen wird ein Schichtdickenmessprotokoll empfohlen, damit bei Rückgabe fachlich bewertet werden kann.S. 6 ↗
- Magnetisch-induktive Messgeräte zeigen nur die Summe aller Schichten und können Spachtel, Füller, Lack und Karosseriefüllmasse nicht unterscheiden. Eine sach- und fachgerechte Beurteilung ist damit nur sehr eingeschränkt oder gar nicht möglich.S. 9 ↗
- Die geeigneten Messverfahren sind in der DIN EN ISO 2808:2019-12 beschrieben.S. 9 ↗
- Anhaltswerte Handwerk: Neuteil (Montageteil) ca. 70–150 µm, Einschweißteil ca. 80 µm bis mehrere Millimeter, Reparatur mit Schleiffüller ca. 100–650 µm, Reparatur nach Instandsetzung mit Spachtel ca. 100 µm bis mehrere Millimeter.S. 10 ↗
- Grundierung, Füller, Basis- und Klarlack führen im Regelfall zu bis zu 250 µm und mehr; UP-Spritzspachtel kann weitere 300 µm und mehr hinzufügen; Karosseriefüllmassen können über 3 mm stark sein.S. 13 ↗
- Für eine sach- und fachgerechte Reparaturlackierung sind grundlegend zu beachten: Alle Beschichtungsmaterialien wurden nach den technischen Richtlinien des Produktherstellers verarbeitet, Einbau- und Anbauteile lassen sich passgenau einsetzen bzw. ordnungsgemäß montieren, beim Einsetzen von Tüllen, Nieten, Klammern usw. löst sich der Lackaufbau nicht ab, nach der Montage sind keine Lackaufwürfe feststellbar, und an mechanisch belasteten Flächen wie Dachträger-Befestigungspunkten hält der Lackaufbau der vom Fahrzeughersteller festgelegten maximalen Traglast stand.S. 13 ↗
- Eine prozessbedingt erhöhte Gesamtschichtdicke bei Reparaturlackierung ist kein Qualitätsverlust, wenn diese Punkte eingehalten sind; ohne optische oder funktionale Beeinträchtigung ist sie nicht zu bemängeln.S. 14 ↗
- Die endgültige Beurteilung erfordert oft vertiefende Analysen und nicht zerstörungsfreie Messungen durch Fachleute, z. B. ö.b.u.v. Sachverständige für Fahrzeuglackierung.S. 14 ↗
Wann du das brauchst
- Ein Kunde, Gutachter oder Käufer beanstandet eine Reparatur allein wegen hoher Messwerte.
- Bei der Leasingrückgabe werden erhöhte Schichtdicken als Vorschaden oder Mangel gewertet.
- Ein Gebrauchtwagen wird wegen hoher Werte als „nachlackiert“ oder „Unfallwagen“ eingestuft.
- Ein Neuwagen zeigt ab Werk ungewöhnlich hohe Werte und der Kunde ist verunsichert.
So setzt du es um
- Bei Reklamationen wegen Schichtdicke die Kriterien aus dem Fazit prüfen: Herstellerrichtlinie eingehalten, Teile passen, nichts löst sich, keine Aufwürfe.
- Kunden erklären, dass das Messgerät nur die Summe zeigt und Füllmasse nicht vom Lack trennen kann.
- Anhaltswerte der Serie und der Reparaturarten als Orientierung für Gespräche heranziehen.
- Vor der Fahrzeugübernahme von Neu- und Gebrauchtwagen sowie bei Leasingfahrzeugen die Erstellung eines Schichtdickenmessprotokolls empfehlen.
- Bei hartnäckigen Streitfällen auf eine Beurteilung durch ö.b.u.v. Sachverständige für Fahrzeuglackierung verweisen.
Genannte Positionen für Kalkulation und Rechnung
- Grundierung/Primer
- Polyester-Spritz- und Ziehspachtel
- Grundierfüller, Schleiffüller, Nass-in-Nass-Füller
- Basislack und Klarlack bzw. 1-Schicht-Decklack
- Nahtabdichtung, Steinschlag- und Unterbodenschutz
- Karosseriefüllmasse/Schwemmzinnersatz (Karosserieinstandsetzung, Übergabezustand Karosserie an Lack)
Begriffe
- Gesamtlackschichtdicke
- Summe aller nach Trocknung und Aushärtung messbaren Beschichtungsschichten auf dem Untergrund.
- Grundbeschichtung
- Vorbehandlung, KTL, Grundierungen und Primer für Korrosionsschutz und Haftung.
- Zwischenbeschichtung
- Füller und Polyesterspachtel, die eine glatte, spannungsfreie Fläche für den Decklack schaffen.
- Schlussbeschichtung
- Basis- und Klarlackschichten mit dekorativen, optischen, haptischen und technisch funktionellen Aufgaben.
- Karosseriefüllmasse / Schwemmzinnersatz
- Material aus der Karosserieinstandsetzung, das zum Untergrund zählt und nicht zum Lackaufbau.
- Magnetisch-induktive Messung
- Zerstörungsfreie Schichtdickenmessung, die nur die Summe aller Schichten anzeigt.
- IPP II
- „Integrated Paint Process“ der zweiten Generation in der Serie, bei dem der Füller durch eine erste Basislackschicht ersetzt wird.
- PDI-Center
- Zwischenstation, in der Neuwagen vor Auslieferung vorbereitet und Transportschäden beseitigt werden.
Typische Fragen
Ab welchem Messwert ist eine Lackierung unsachgemäß?
In der zugänglichen Fachliteratur gibt es keine detaillierten Angaben zur maximal zulässigen Gesamtlackschichtdicke. Im Idealfall beschreiben Fahrzeughersteller und Materiallieferant die maximale Schichtdicke in ihren technischen Verarbeitungs- oder Herstellerrichtlinien. Entscheidend sind die Verarbeitung nach Herstellerrichtlinie und die Funktion, nicht der reine Messwert.S. 2 ↗
Der Neuwagen zeigt 400 µm – ist er nachlackiert?
Nicht zwingend. Ein Volumenhersteller gibt bis 350 µm an, und in der Praxis wurden an Neuwagen bis 500 µm und mehr gemessen – etwa durch werkseitige Nacharbeit oder PDI-Korrekturen.S. 6 ↗
Zählt die Füllmasse aus der Karosseriereparatur zur Lackschichtdicke?
Nein, Karosseriefüllmassen und Schwemmzinnersatz gehören zum Untergrund. Das Messgerät erfasst sie aber mit, weil es die Schichten nicht trennen kann.S. 7 ↗
Wie dick darf eine Reparaturlackierung mit Spachtel sein?
Das Merkblatt nennt als Größenordnung ca. 100 µm bis mehrere Millimeter bei Reparatur nach Instandsetzung mit Polyesterspachtel. Die Werte sind nur Orientierung und können abweichen.S. 11 ↗
Warum ist die Reparaturlackierung dicker als die Serie?
Die handwerkliche Reparaturlackierung bedarf eines aufwändigeren und höherschichtigen Lackaufbaus, weil die Lackmaterialien handwerklich statt automatisiert verarbeitet werden. Intakte Lackschichten werden zudem nicht abgetragen, sondern überlackiert, und zur intakten Lackierung muss ein nivellierter Übergang geschaffen werden. Bei Einhaltung der Kriterien aus dem Fazit stellt die erhöhte Schichtdicke keinen Qualitätsverlust dar.S. 10 ↗
Was sollte man bei Leasingfahrzeugen tun?
Bei Übernahme ein Schichtdickenmessprotokoll erstellen. Nur dann lässt sich bei Rückgabe fachlich einordnen, was schon vorhanden war.S. 6 ↗
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