IFL 2017 · Lacktechnik · Stand 08/2017
Unterschiede zwischen Serien- und Reparaturlackierung
Gründe für Farbtondifferenzen und die Notwendigkeit der Beilackierung
Warum eine Reparaturlackierung fast nie exakt den Werksfarbton trifft und deshalb angrenzende Teile oft beilackiert werden müssen. Das Merkblatt liefert die Argumente für Kalkulation, Gutachten und Rechnung.
Herausgeber: IFL e.V.
Kurzfassung zum schnellen Verstehen, gegen den Originaltext geprüft. Verbindlich ist das Original-Merkblatt – die Seitenangaben führen direkt dorthin.
Worum es geht
Der Kunde erwartet nach einem Unfall eine „unsichtbare“ Reparatur. Das ist bei vielen Farbtönen ohne Beilackierung der Nachbarteile kaum möglich. Schon ab Werk gibt es Farbunterschiede zwischen Werken, liegenden und senkrechten Flächen sowie zugelieferten Anbauteilen. In der Werkstatt wird zudem völlig anders lackiert: von Hand statt Roboter, bei schwankender Temperatur und Luftfeuchte und mit niedriger Trocknungstemperatur. Der Reparaturlackhersteller muss mit weniger als 100 Mischfarben über 40.000 Farbtöne nachstellen. Farbtondokumentationen und Messgeräte helfen, liefern aber nur Annäherungen. Da in Deutschland mehr als 90 % der neu zugelassenen Pkw in Metallic- oder Effektfarbtönen lackiert sind, ist die Beilackierung in den meisten Fällen unumgänglich. Ist sie wahrscheinlich, soll sie begründet in Kalkulation, Kostenvoranschlag oder Gutachten aufgenommen werden; sonst trägt der Lackierer unter Umständen das Risiko einer Nachbesserung. Die Entscheidung trifft letztlich der Lackierfachmann anhand von Musterblechen. Laut Merkblatt trägt die Kosten der Auftraggeber bzw. im Versicherungsfall der Versicherer.
Kernaussagen
- Das Merkblatt wurde von BFL, BVSK, VdL, VKS, ZDK und ZKF geprüft und akzeptiert und hat somit Gültigkeit für alle am Schadensprozess Beteiligten. und soll für alle am Schadenprozess Beteiligten gelten.S. 6 ↗
- Sachverständige entscheiden oft über die Beilackierung, bevor ein Lackierer das Fahrzeug gesehen hat; eine enge Abstimmung vor Reparaturbeginn sollte der Regelfall sein.S. 6 ↗
- Schon werkseitig weichen Farbtöne zwischen Werken, zwischen liegenden und senkrechten Flächen und bei zugelieferten Anbauteilen ab.S. 7 ↗
- Der Reparaturlackhersteller stellt mit deutlich unter 100 Mischfarben über 40.000 Farbtöne dar; die Aussage, ein Lackierer müsse „auf Stoß“ lackieren können, trifft bei den meisten modernen Farbtönen nicht zu.S. 7 ↗
- Drei Fälle: Es ist branchenbekannt, dass ein Farbton unproblematisch lackiert werden kann – eine Beilackierung wird nicht kalkuliert.; Beilackierung branchenbekannt wahrscheinlich – inkl. De- und Montage kalkulieren; Zweifel – Abstimmung zwischen Sachverständigem und Lackierer, letztlich entscheidet der Lackierfachmann.S. 8 ↗
- Ist eine Beilackierung wahrscheinlich, gehört sie mit Begründung in Kalkulation, Kostenvoranschlag bzw. Gutachten; sonst trägt der Lackierer unter Umständen das Risiko einer Nachbesserung.S. 8 ↗
- Vor der Reparatur soll der Lackierer mit einem oder mehreren Musterblechen prüfen, ob eine Beilackierung nötig ist; die tatsächlich entstandenen Kosten gehören dann in die Rechnung.S. 8 ↗
- Bei Werks- und Reparaturlackierung stimmt praktisch keiner der Parameter überein: Roboter (elektrostatisch) vs. Hand (pneumatisch), Schichtdicke ±5 % vs. ±50 %, Luftfeuchte 60 % ±5 % vs. 15–90 %, Applikation 20 ±1 °C vs. 15–35 °C, Trocknung 140 °C vs. < 60 °C.S. 9 ↗
- Der Farbtonstandard des Autoherstellers ist für den Reparaturlackhersteller nur ein Anhaltspunkt; im Markt entstehen laufend weitere Farbtonvarianten, dazu kommen Alterung durch UV und Chemie.S. 10 ↗
- Der Lackaufbau der Reparatur ist mit 100–360 µm dicker als der Werksaufbau mit 100–140 µm; qualitativ sind beide laut Merkblatt gleichwertig.S. 11 ↗
- Farbtondokumentationen und Farbtonmessgeräte liefern nur Annäherungen; laut VDI-Richtlinie 3456 erlaubt die Messgenauigkeit noch keinen Verzicht auf Beilackieren und Nachnuancieren.S. 12 ↗
- Mehr als 90 % der neu zugelassenen Pkw in Deutschland sind in Metallic- oder Effekttönen lackiert; die Beilackierung ist daher in den meisten Fällen unumgänglich.S. 13 ↗
Wann du das brauchst
- Ein Gutachten oder Kostenvoranschlag enthält keine Beilackierung, obwohl der Farbton schwierig ist.
- Ein Kostenträger stellt die Beilackierung der Nachbarteile in der Rechnung in Frage.
- Das Argument „ein guter Lackierer muss auf Stoß lackieren können“ kommt auf.
- Ein Kunde reklamiert nach der Reparatur einen sichtbaren Farbtonunterschied.
- Bei der Schadenaufnahme mit dem Sachverständigen muss vorab geklärt werden, ob beilackiert wird.
- Bei Kundengesprächen soll erklärt werden, warum auch unbeschädigte Nachbarteile lackiert werden.
So setzt du es um
- Schon bei der Schadenaufnahme den Farbton einordnen (unproblematisch, wahrscheinlich Beilackierung, Zweifel) und das Ergebnis mit dem Sachverständigen abstimmen.
- Bei wahrscheinlicher Beilackierung diese inkl. De- und Montage mit Begründung in Kalkulation oder Kostenvoranschlag aufnehmen.
- Vor Beginn der Reparatur mit einem oder mehreren Musterblechen mit dem vor Ort angemischten Lack prüfen, ob im konkreten Einzelfall eine Beilackierung notwendig ist.
- Ist nach der Entscheidung des Lackierfachmannes eine Beilackierung erforderlich, die dafür tatsächlich entstandenen Kosten in die Rechnung aufnehmen.
- Bei Nachfragen die Vergleichstabelle Werks- vs. Reparaturlackierung und die VDI-Richtlinie 3456 anführen.
- Kunden sachlich erklären, warum Farbtonunterschiede ohne Beilackierung kaum vermeidbar sind.
Genannte Positionen für Kalkulation und Rechnung
- Beilackierung angrenzender Teile bzw. Teilflächen
- De- und Montagearbeiten für die Beilackierung
- Nebenarbeiten der Reparaturausweitung
Begriffe
- Beilackierung
- Mitlackieren der an die Reparaturstelle angrenzenden Teilflächen, damit ein Farbtonunterschied für den Betrachter unsichtbar wird.
- Farbtonvariante
- Abweichende Ausprägung eines Farbtons im Markt, für die der Lackhersteller eine eigene Rezeptur anbietet.
- Farbtondokumentation
- Sammlung robotergespritzter Musterbleche oder Paspeln eines Farbtons mit bis zu 5 oder 6 Varianten.
- Musterblech
- Mit dem vor Ort angemischten Lack lackiertes Farbmusterblech, mit dem der Lackierfachmann vor Beginn der Reparatur prüft, ob im konkreten Einzelfall eine Beilackierung notwendig ist; es kann ihm etwas mehr Sicherheit bei der Farbtonfindung bringen.
- VDI-Richtlinie 3456
- Richtlinie, die den Stand der Technik bei der Reparaturlackierung beschreibt.
- Remissionskurve
- Kurve des gemessenen Farbtons, die das Farbtonmessgerät mit den im Gerät abgespeicherten Remissionskurven vergleicht, um die am nächsten kommende auszuwählen.
Typische Fragen
Muss ein guter Lackierer nicht auf Stoß lackieren können?
Laut Merkblatt trifft das bei den meisten modernen Farbtönen nicht zu. Werks- und Reparaturlackierung unterscheiden sich in Technik, Material und Pigmenten so stark, dass Farbtonunterschiede nahezu unvermeidbar sind.S. 13 ↗
Wer entscheidet, ob beilackiert wird?
Letztlich der Lackierfachmann, anhand selbst gespritzter Musterbleche. Bei Zweifeln soll er sich vorher mit dem Sachverständigen abstimmen.S. 8 ↗
Was passiert, wenn die Beilackierung nicht kalkuliert wurde?
Dann kann es zur Diskussion über die Reparaturausweitung kommen, und der Lackierer trägt unter Umständen selbst das Risiko einer Nachbesserung, wenn der Kunde das Ergebnis beanstandet.S. 8 ↗
Reicht nicht ein Farbtonmessgerät statt Beilackierung?
Nein. Messgeräte sind elektronische Farbtondokumentationen und liefern nur Annäherungen; laut VDI-Richtlinie 3456 kann man deshalb noch nicht auf Beilackieren und Nachnuancieren verzichten.S. 12 ↗
Wer trägt die Kosten der Beilackierung?
Das Merkblatt sagt: der auftraggebende Kunde, im Versicherungsfall der Versicherer, sofern die Beilackierung erforderlich war. Die tatsächlich entstandenen Kosten gehören in die Rechnung.S. 13 ↗
Ist die dickere Reparaturlackierung schlechter als die Werkslackierung?
Nein. Der Reparaturaufbau ist mit 100–360 µm zwangsläufig dicker als 100–140 µm ab Werk, qualitativ sind beide laut Merkblatt aber gleichwertig.S. 11 ↗
Warum weicht schon der Werksfarbton ab?
Weil in verschiedenen Werken mit unterschiedlichen Anlagen und Lacken lackiert wird, liegende und senkrechte Flächen abweichen und Anbauteile lackiert zugeliefert werden. Daher können auf einem werkslackierten Fahrzeug bereits mehrere Farbnuancen vorhanden sein.S. 7 ↗
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